Das „Autismus-G´schichterl“

Ich bin fast täglich in diversen einschlägigen Telegram-Kanälen unterwegs und konsumiere dort Videos, Beiträge und andere Inhalte von sogenannten „alternativen Medien“. Oft bleibt dabei nur ein Kopfschütteln übrig. Manchmal wird aber auch deutlich, wie eng die Verbindungen zwischen rechtsextremen Akteuren und diesen „Medien“ sind – eine Symbiose, die sich gegenseitig bedingt. Doch hin und wieder stoßen Beiträge auf mein Interesse, und ich beginne zu recherchieren: Was steckt hinter den angeblichen Fakten? Welche Narrative werden bewusst verzerrt, um maximale Empörung zu erzeugen?

Ein aktuelles Beispiel: Impfungen und Autismus. Vor Kurzem stieß ich auf eine vermeintliche Studie, die erneut einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus belegen soll. Diese wurde unter anderem in einem Beitrag des oberösterreichischen Regionalsenders RTV sowie auf der Plattform „Unzensuriert“ thematisiert. Beide betonten, dass die Studie angeblich von „Experten“ begutachtet wurde – ohne jedoch Details zu den wissenschaftlichen Standards oder dem Peer-Review-Prozess zu liefern. Das machte mich neugierig, und ich suchte die Studie. Schnell wurde ich fündig – und ebenso rasch entdeckte ich fundierte Kritik daran. Besonders spannend fand ich einen Artikel auf der Website Unbiased Science, verfasst von Dr. Jess Steier, die die angebliche Studie einer detaillierten Analyse unterzieht.

Die Analyse der Studie: Fehlerhafte Methodik und fragwürdige Absichten
Die „Studie“ behauptet, dass geimpfte Kinder im Medicaid-Programm Floridas ein höheres Risiko für neurodevelopmentale Störungen (NDDs), einschließlich Autismus, hätten. Doch Dr. Steier zeigt zahlreiche methodische Mängel auf. Hier alles mal kurz zusammengefasst:

  • Fragwürdige Veröffentlichung und Finanzierung
    Die Studie wurde in einem WordPress-Blog veröffentlicht, der kein anerkanntes wissenschaftliches Journal ist. Finanziert wurde sie vom National Vaccine Information Center (NVIC), einer Anti-Impf-Organisation. Der Peer-Review-Prozess wurde von Peter McCullough durchgeführt, der für das Verbreiten medizinischer Fehlinformationen bekannt ist.
  • Probleme bei Datenerhebung und Klassifikation
    Die Daten basieren ausschließlich auf Abrechnungscodes von Medicaid – Codes, die für Zahlungszwecke gedacht sind, nicht für Forschung. Kinder wurden als „ungeimpft“ klassifiziert, wenn keine Impf-Abrechnungscodes vorlagen, was andere Impfprogramme ignoriert. Zudem fehlen Verifizierungen des Impfstatus und Validierungen der Diagnosen.
  • Selektionsbias und fehlende Kontrolle von Störfaktoren
    Die Stichprobe beschränkte sich auf einkommensschwache Familien mit kontinuierlichem Medicaid-Bezug über neun Jahre – eine unrepräsentative Gruppe. Wichtige Faktoren wie familiäre Vorgeschichte oder sozioökonomische Bedingungen wurden ignoriert.
  • Statistische Mängel
    Zeitliche Veränderungen in Diagnosepraktiken wurden nicht berücksichtigt. Es fehlen angemessene statistische Anpassungen oder Sensitivitätsanalysen.
  • Fehlerhafte Kausalschlussfolgerungen
    Die Studie zieht kausale Schlüsse aus Beobachtungsdaten, ohne zeitliche Sequenzen oder Reverse-Kausalität zu berücksichtigen.
  • Intransparente Datenqualität
    Die Autoren behaupten, individuelle Daten zu besitzen, geben aber gleichzeitig an, keine spezifischen Impfungen nachverfolgen zu können – ein klarer Widerspruch.

Fazit: Keine wissenschaftliche Grundlage
Diese Analyse ist eindeutig, wie ich finde. Diese „Studie“ widerspricht jahrzehntelanger rigoroser Forschung und bietet auch keine valide Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. Vielmehr scheint sie darauf abzuzielen, voreingenommene Ergebnisse zu produzieren, um Unsicherheit zu schüren.

Die wissenschaftliche Gemeinschaft dagegen ist mit ihren Ergebnissen in dieser Frage eindeutig: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. Zahlreiche hochwertige Studien – darunter eine umfassende dänische Untersuchung mit über 650.000 Kindern – haben dies wiederholt bestätigt. Der Mythos eines Zusammenhangs basiert vor allem auf der inzwischen zurückgezogenen Studie von Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998, die als Betrug entlarvt wurde.

Warum das wichtig ist
Desinformationen wie diese gefährden nicht nur das Vertrauen in Impfungen, sondern auch die öffentliche Gesundheit insgesamt. Statt Ressourcen in die Widerlegung längst widerlegter Behauptungen zu investieren, sollten wir uns darauf konzentrieren, die tatsächlichen Ursachen von Autismus besser zu verstehen und betroffene Familien zu unterstützen. Und es gibt einen politischen Aspekt bei der ganzen Sache. Die Verbreitung dieser angeblichen „Studie“ und ihrer Ergebnisse passiert in selbst ernannten „alternativen Medien“. Diese sind allesamt dem rechtsextremen Milieu zuzuordnen, haben ein entsprechendes Naheverhältnis zur FPÖ. Die Meldung wonach es einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gäbe, bedient ein bestimmtes Klientel, das seit der Covid-Pandemie von der FPÖ bespielt wird. Es geht der FPÖ in dieser zentralen Frage daher auch nicht um richtig oder falsch, oder um wissenschaftliche Evidenzen, es geht dieser Partei um maximalen Impact. und so verwundert es am Ende auch nicht, dass bei einem Thema wie den immer häufiger und immer massiver auftretenden Masernerkrankungen im Land vor allem eine Partei auffällig laut schweigt, nämlich die FPÖ. Statt sich in den eigenen Kanälen darum zu kümmern Eltern davon zu überzeugen, dass die vorhandenen Impfangebote wie jene gegen Masern genutzt werden, und die Beratung durch Ärzt:innen in Anspruch genommen wird, sagt man nix. Und das ist wie ich finde grindig.

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